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Strömung
Strömung · Sub-Zentimeter-Physik

Was zwischen Oberflächenspannung und Gravitation passiert.

Worthington-Kronen, Plateau-Rayleigh-Zerfall, Leidenfrost-Tanz — die Physik des Wassertropfens ist klein und sichtbar. Zwei dimensionslose Zahlen erzählen den grössten Teil der Geschichte.

Aufprall-Regime
Weber-Reynolds-Diagramm
Live-Krone
Tropfen-Durchmesser2.5 mm
Fallhöhe100 cm
Aufprall-Geschwindigkeit4.43 m/s
We672
Re11029
Oh0.0024
K7571
RegimeSplashing
Sechs weitere Effekte
  • Der Tränen-Mythos.

    Stehende Tropfen sind kugelförmig — Oberflächenspannung minimiert die Fläche. Fallende Regentropfen sind oblate Sphäroide mit abgeflachter Unterseite (Beard & Chuang 1987). Die ikonische Tränenform existiert in der Natur nicht.

  • Plateau-Bedingungen.

    In Seifenschäumen treffen sich drei Filme entlang einer Kante immer unter 120°, vier Kanten an einem Vertex unter dem tetraedrischen Winkel 109.47°. Jean Taylor bewies die Regeln 1976 streng — sie folgen aus reiner Energieminimierung.

  • Tears of Wine.

    James Thomson 1855: Ethanol verdunstet schneller als Wasser, lokal steigt die Oberflächenspannung. Der Gradient zieht Flüssigkeit hoch — der Marangoni-Effekt erzeugt die "Tränen" am Rand des Weinglases.

  • Coffee Ring.

    Verdunstung am gepinnten Rand zieht eine Kapillarströmung nach aussen, die fast alle suspendierten Partikel mitnimmt. Deegan et al. (Nature 1997) zeigten, dass das Potenzgesetz unabhängig von Substrat und Partikeltyp ist.

  • Koaleszenz.

    Wenn zwei Tropfen sich berühren, verbinden sich ihre Oberflächen durch eine immer dünner werdende Brücke (Neckdown). Jens Eggers 1995 zeigte: Der Moment, in dem die Brücke null Dicke erreicht, folgt einem universellen Skalierungsgesetz.

  • Endgeschwindigkeit.

    Ein Regentropfen erreicht im freien Fall schnell sein Geschwindigkeits-Limit, weil der Luftwiderstand quadratisch mit v wächst. Gunn & Kinzer 1949: 1 mm → 4 m/s, 2 mm → 6.5 m/s, 5.8 mm → 9.2 m/s. Darüber zerfällt der Tropfen durch Plateau-Rayleigh.

Vier Schritte

Von einer Funken-Photographie zu einer dimensionslosen Theorie des Splash.

  1. Worthington 1908.

    Arthur Mason Worthington dokumentierte vierzehn Jahre lang am Royal Naval College Devonport mit Funkenstroboskopie die Geometrie aufschlagender Tropfen. Befund: Die Krone ist nicht zufällig — ihre Spitzen sind regelmässig verteilt, ihre Anzahl wächst mit der vierten Wurzel der Weber-Zahl. Harold "Doc" Edgerton machte daraus 1936 mit Mikrosekunden-Blitzen das ikonische Milk Drop Coronet. Krechetnikov & Homsy (2009) zeigten schliesslich, dass die Spitzen aus einer Rand-Instabilität folgen, analog zur Rayleigh-Taylor- und Richtmyer-Meshkov-Mechanik.

  2. Plateau-Rayleigh-Zerfall.

    Joseph Plateau beobachtete 1873 experimentell, dass ein Wasserstrahl instabil wird sobald seine Länge den Umfang übersteigt. Lord Rayleigh berechnete 1879 die am schnellsten wachsende Wellenlänge zu λ ≈ 9.01·R. Konsequenz: Regentropfen werden nie grösser als rund 5.8 mm (Gunn & Kinzer 1949) — oberhalb dieses Limits zerfallen sie im freien Fall durch genau diesen Mechanismus. Jens Eggers (1997) lieferte die nichtlineare Theorie der Pinch-off-Singularität.

  3. Drei Aufprall-Regime.

    Was beim Aufprall passiert, hängt nicht von Tropfengrösse oder Geschwindigkeit getrennt ab, sondern von zwei dimensionslosen Verhältnissen: Weber-Zahl (Trägheit vs. Oberflächenspannung) und Reynolds-Zahl (Trägheit vs. Viskosität). Yarin 2006 konsolidierte das Diagramm. Unter We ≈ 30 spreitet der Tropfen flach; 30 bis 80 bildet er eine glatte Krone; über 80 zerfällt der Kronen-Rand in Sekundär-Tropfen — Splashing. Die exakte Schwelle für Sekundär-Tropfen-Ablösung folgt der Mundo-Konstante K = We·Oh^(-0.4) ≈ 657.

  4. Lotus und Leidenfrost.

    Zwei sehr unterschiedliche Wege, dem Aufprall zu entkommen. Auf super-hydrophoben Strukturen wie dem Lotusblatt (Kontaktwinkel > 150°, hierarchische Wachs-Nanorauheit) bleibt Luft im Cassie-Baxter-Zustand zwischen Tropfen und Substrat eingeschlossen — der Tropfen bouncet (Richard & Quéré 2000). Auf einer Platte über 193 °C bildet sich eine 10-100 µm dünne Dampfschicht, die den Tropfen thermisch vom Substrat entkoppelt — er schwebt Minuten lang (Leidenfrost 1756). Im Kern dieselbe Physik: eine Gasschicht trennt den Tropfen vom Substrat. Andere Energiequelle.

Wie die Visualisierung funktioniert

Slider setzen Tropfen-Durchmesser d (0.5-6 mm) und Fallhöhe h (5-300 cm). Die Aufprall-Geschwindigkeit folgt v = √(2gh) ohne Luftwiderstand — für die gezeigten kurzen Fallstrecken genau genug. Die vier dimensionslosen Zahlen ergeben sich dann als We = ρv²d/σ, Re = ρvd/μ, Oh = μ/√(ρdσ) und K = We·Oh^(-0.4). Wasser-Konstanten bei 20 °C: σ = 72.8 mN/m, ρ = 998 kg/m³, μ = 1.002 mPa·s. Die Krone ist schematisch gezeichnet, ihre Spitzen-Anzahl folgt aber Edgertons empirischer Regel N ∝ We^(1/4); die Regime-Grenzen aus Yarin 2006 und Mundo et al. 1995.

Quellen